Hirnforschung – Wie der Uhrzeigersinn unser Verhalten bestimmt

Cover of "The Experiment"

Cover of The Experiment

Rechtsdreher oder Linksdreher – die Drehrichtung hat eine besonders starke Bedeutung für uns: Denn wir folgen unbewusst den Zeigern der Uhr.

Zugegeben, dieses Studienergebnis aus dem Versuchslabor von Psychologen klingt zunächst etwas seltsam. Aber wenn Sascha Topolinski von der Universität Würzburg und Peggy Sparenberg vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig im Versuch ihren Teilnehmern einen Drehteller mit Bonbons darauf vorsetzten, dann konnten sie vorher genau sagen, wer eher Lust auf konventionelle Geschmacksrichtungen hat und wer sich auch mal auf exotische Bonbons einläßt.

Sie ticken von links nach rechts: Wer im Uhrzeigersinn denkt und handelt, ist offen gegenüber Neuem, der Zukunft zugewandt

Sie ticken von links nach rechts: Wer im Uhrzeigersinn denkt und handelt, ist offen gegenüber Neuem, der Zukunft zugewandt

Die Wissenschaftler hatten weder weitreichende Geschmacksprofile ihrer Probanden erstellt, noch besitzen sie irgendwelche hellseherischen Fähigkeiten. Vielmehr konnten sie allein anhand der Drehrichtung des Tellers prognostizieren, ob die Bonbons mit Sauerkirsch- oder mit Popcorn-Geschmack eher weggehen.

Die ahnungslosen Probanden hatten geglaubt, das Experiment sei längst zu Ende und die Bonbons lediglich eine kleine Aufmerksamkeit für ihre Teilnahme. In Wahrheit interessierten sich die Forscher jedoch nicht für die vorher sorgfältig auszufüllenden Zettel – die waren nur eine Attrappe –, sondern dafür, welche fünf Bonbons die Teilnehmer sich vom Drehteller aussuchen würden.

Im Angebot waren acht konventionelle Geschmacksrichtungen wie Apfel, Zitrone oder Kirsche und acht eher exotische mit Aromen wie Popcorn, Marshmallow oder Melone. Um die Schildchen mit dem jeweiligen Geschmack lesen zu können, mussten die Teilnehmer jedoch zunächst die Scheibe drehen. Das aber ging, je nachdem in welche Versuchsgruppe ein Proband gerutscht war, jeweils nur in eine Richtung.

„Wer die Scheibe im Uhrzeigersinn gedreht hatte, wählte häufiger die ungewöhnlichen, neuen Sorten“, sagt Sascha Topolinski. Lust auf Neues also bei denen, die nach rechts gedreht hatten, und Vertrauen auf Altbewährtes bei denen, die nach links gedreht hatten? Genau das war die Hypothese der Wissenschaftler gewesen. Und die Ergebnisse geben ihnen recht. Grund dafür seien die Uhren und unsere damit verknüpfte Vorstellung von Zukünftigem und Vergangenem. „Menschen verknüpfen den Verlauf der Zeit eng mit räumlichen Vorstellungen, so eben auch mit der Drehrichtung, wie wir sie tagtäglich auf Uhren und anderen Geräten erleben“, sagt Topolinski.

Das Drehen nach rechts, im Uhrzeigersinn, steht also für Zukünftiges und Offenheit für Neues. Wir erwarten, dass die Musik aus unserem CD-Player lauter wird, wenn wir den Lautstärkeregler nach rechts drehen. Eine Drehbewegung nach links dagegen, entgegen dem Uhrzeigersinn, weckt offenbar Assoziationen an Vergangenes und Vertrautes in uns. Diese völlig unbewusste Verbindung vom Zeigerlauf der Uhr mit der Offenheit gegenüber Neuem beeinflusste also ganz automatisch und ohne deren Wissen die Entscheidungen der Probanden. So als hätten sie einen Uhrzeiger-Sinn.

Nun sind ja solch reflexartige Entscheidungen das eine. Doch Topolinski und Sparenberg haben auch untersucht, ob die Drehrichtung eines Gegenstandes auch die doch recht bewusste Einstellung und Einschätzung eines Menschen zu sich selbst verändern kann. Dafür sollten in einem weiteren Experiment 60 Studienteilnehmer an einer Kurbel drehen und dabei ihre persönlichen Einstellungen und Vorlieben beschreiben: ob sie eher weltoffen, tolerant und kreativ seien oder an althergebrachten und konservativen Werten festhielten.

„Es zeigte sich, dass Kurbeln im Uhrzeigersinn weltoffener und kreativer macht“, sagt Topolinski. Und das in nur wenigen Sekunden – im Handumdrehen sozusagen.

Und es kommt noch besser: Das galt sogar dann, wenn Menschen die Bewegung gar nicht selbst ausübten, sondern nur zusahen, wie sich beispielsweise Vierecke im oder entgegen dem Uhrzeigersinn drehten, wie die Psychologen in einem weiteren Experiment nachweisen konnten. Zwar waren die Effekte stärker, wenn selbst Hand angelegt wurde, aber es ging auch ohne.

Die beiden Wissenschaftler führen derart kurios anmutenden Experimente aus einem guten Grund durch: Sie interessiert, wie kulturelle und technische Konventionen und Gewohnheiten unbewusst unser Erleben und Empfinden beeinflussen. Denn die Drehrichtung hat nur deshalb für uns eine Bedeutung, weil wir mit der Symbolik der Uhr vertraut sind und sie gesellschaftlich eine große Bedeutung hat.

Kinder etwa lernen erst durch den alltäglichen Umgang mit Uhren langsam die Verbindung der Drehrichtung mit Vergangenheit und Zukunft und verbinden bestimmte Assoziationen mit den beiden Konzepten. „Unsere Erfahrung mit Technik bewirkt diesen Effekt“, bestätigt Topolinski. „Wenig technisierte Kulturen sind dagegen durch Drehrichtung wohl kaum beeinflussbar“, sagt der Wissenschaftler.

Interessant sind die Ergebnisse der Studien aber auch für die Marktforschung. Drehtüren zum Beispiel drehen sich meist entgegen dem Uhrzeigersinn, auch in den meisten Kaufhäusern. „Das macht die Kunden konservativ“, sagt der Psychologe. „Eine Änderung der Gehrichtung könnte bei ihnen die Neugierde für neue Produkte wecken.“ Im Casino dagegen drehen sich die Glücks- und Rouletteräder immer im Uhrzeigersinn. Topolinski vermutet, dass dies die Spieler offener und auch riskanter spielen lässt.

Als Nächstes wollen die Wissenschaftler sich der Frage widmen, welche Konsequenzen Widersprüche in der Drehrichtung für das Erleben und Handeln beim Menschen haben. Was passiert etwa, wenn Menschen eine sich im Uhrzeigersinn drehende Scheibe beobachten und gleichzeitig eine Kurbel in entgegengesetzter Richtung drehen? Und auch ob sich Menschen, die beruflich viel mit Drehbewegungen zu tun haben, sich von anderen Menschen unterscheiden, wollen sie noch untersuchen.

Doch bis die neuen Ergebnisse vorliegen, kann es noch dauern. Bis dahin kann man das Experiment ja einmal im Bekanntenkreis ausprobieren. Oder über die Wahrnehmung von Zeit und ihren Einfluss auf den Alltag sinnieren. „Die Gegenwart ist der Zustand zwischen der guten alten Zeit und der schöneren Zukunft“, sagt zum Beispiel der slowenische Autor Zarke Petan. Und fasst damit eigentlich auch zusammen, worum es den Autoren der Studie ging.

Advertisements

Über NasiChaim

Reichsregierung des Deutschen Reichs (Großgermanisches Reich) Oberkommando Wehrmacht. Benutzen Sie zu Fragen und Mitteilungen die Kommentarfunktion mit dem VERMERK -POST-. Ihr Kommentar wird dann nicht veröffentlicht. Geben Sie darin ein Paßwort an. In einem speziellen Artikel können Sie dann die Antwort lesen; diese ist mit Ihrem Paßwort geschützt. Elektronischer Postverkehr erfolgt über sichere Abwickung. Keine IP-Speicherung etc. https://www.secure-mail.biz/
Dieser Beitrag wurde unter Psychologie des Menschen abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s